Märklin Analog H0

Hornby Analog 00

A Long Hornby Winter

Orientexpress

Maerklin Analog H0

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Ein langer Märklin Winter 62 / 63 (aus Märklin Analog H0)

Photos mit freundlicher Genehmigung der Gebr. Märklin & Cie. GmbH


Wenn von Eisenbahn die Rede ist bekommen Buben, gleich welchen Alters, spitze Ohren! Wenn tonnenschwere Güterzüge und Schnellzüge vorbeidonnern bleiben sie stehen. Sie verweilen auf  Brücken sobald eine Dampflok unter ihnen durchzieht und freuen sich wenn sie dann von Dampf und Ruß vollständig umhüllt sind. Sie freuen sich auf ihr entspannendes Hobby Modellbahn und verpassen oft den häuslichen Alltag. Es gibt Buben, die ihren Lebensunterhalt bei der Eisenbahn verdienen.

So auch der Verfasser dieser Schrift, der Hobby und Beruf vereinen konnte und auf den folgenden Seiten einen Rückgriff auf die 50ger und angehenden 60ger Jahre darstellt, als die Kinderzimmer vorwiegend von Eisenbahnen und Autos bevölkert wurden, wenn nicht gerade ein Puppenhaus im Wege stand.

Gerade die schummerige Herbst und Winterzeit, wenn die freie Zeit nicht mehr mit „Kicken“ oder „Räuber und Gendarm“ verbracht wurde, waren die Bubenzimmer – bei großen Buben sogar die Wohnzimmer – Ort des Lesens, Bastelns oder des Eisenbahnspiels … wovon berichtet werden soll.


 

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Welcher Bube träumt im Winter nicht von der Eisenbahn? Dieser hier bestimmt.


 

 

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Es ist die Zeit zwischen Nacht und Morgengrauen, zwischen

wachen und träumen, wenn der Schnee in der Dunkelheit leise und unbemerkt Stadt und Land  wie mit Zuckerguss überzieht…


 

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wenn es kalt draußen ist , wenn mit Dampfloks bespannte Züge die Nacht und unsere Phantasie durchrauschen… und wenn wir uns danach sehnen, selbst einen Zug zu steuern.

Es ist die heimelige Zeit vor Weihnachten, aus der nun folgende Episode aufgeführt wird, wie sie sich in den 50ger und 60ger Jahren  in den Bubenträumen und Kinderzimmern in den erwartungsvollen Tagen der Adventzeit vor Weihnachten ähnlich abgespielt haben mag.

Und so mag die Vorweihnachtszeit begonnen haben…………..

… wir kommen durchgefroren ins Haus … Ihr erinnert Euch …?

Beim Betreten der Diele pfeift noch ein eiskalter  Hauch von draußen hinter uns her.

Schals und Mäntel an den Haken und ab unter den Wohnzimmertisch. Darunter ist es gemütlich, besonders dann, wenn es draußen stürmt, schneit und dunkelt. Der Wind pfeift durch die Fensterritzen, es sind Eisblumen an den Fensterscheiben. Dieser Winter ist lausig kalt!

Oh, ja ... Mutter holt die ersten gebackenen Vorweihnachtsplätzchen aus dem Backofen. Ein paar bringt sie uns unter den Tisch. So zum Kosten – zum Schnabulieren. Die Küchentür steht auf und Wärme und Duft strömen durch alle Zimmer.

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Haben wir schon den neuen Eisenbahn Katalog auf dem Boden liegen, sind alle versammelt um die kommenden Weihnachtswünsche zu träumen? Nein, der Katalog vom vergangenen Jahr muss noch einmal dazu herhalten. Die Finger wandern von Blatt zu Blatt  … „Die hab ich!“ Die Augen werden immer größer.  Du, Leser, weißt, was damit gemeint ist.

Dann kommt Vater vom Betrieb heim. Er bringt mit seinem Hut Schnee in die Wohnung, er reibt sich die kalten Hände über der Ofenplatte. Es stehen bereits heißer Kakao für uns und der verheißungsvolle Marmorkuchen auf dem Tisch. Ha, das schmeckt …, aber unser Blick wandert doch erwartungsvoll zu Vaters Augen… er schmunzelt, hat er? Hat er ihn mitgebracht?

Er schiebt einen geschlossenen Umschlag auf den Tisch. Jetzt hören alle Backen auf zu kauen und alle Blicke kleben an dem Umschlag. Ist vielleicht der „Neue“ darin?

„Erst Kuchen - dann gucken!“ sagt Vater und schiebt sich ein Plätzchen in den Mund. Mutter und Oma stimmen nickend zu: „Ja, erst stärken!“

Der heiße Kakao wird herunter geschlürft - dann betteln die Augen, bis das Vaterherz erweicht. Vater raschelt mit dem Umschlag und heraus gezaubert wird der neue Eisenbahn Katalog. (Nach dem wir ihn leserisch verschlungen hatten verschwand der Katalog für eine ganze Weile – wir fanden ihn meistens auf dem Nachtschränkchen von Vater wieder!)


 

Ab sofort ist Adventszeit -

- und wir liegen mit dem neuen Eisenbahn Katalog unter dem Wohnzimmertisch. Dann geht’s ab an die Eisenbahnanlage. Schon mal vorstellen wie die neuen Loks so auf der Strecke rennen. „Welche neue wünsche ich mir nur?“„Ich wünsche mir die Güterzuglok. Fünf Achsen hat die und Telexkupplung!“ „Die schöne 01, die fehlt mir, mit Rauch!“. „Habt ihr schon eure Wunschzettel fertig?“

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Zwischen einst und jetzt liegen mehr als 40 Jahre.

Schwingt da ein bisschen Schwermut mit? Erinnerungen? … und wie! Augen schließen…  und riechen, erst Plätzchenduft, dann Eisenbahn? Oder umgekehrt?

In den 50gern / und frühen 60gern gab es eigentlich nur zwei Berufswünsche für Jungen: Lokführer oder Architekt. Entsprechend ausgelegt war die, na noch nicht so vielfältige, Auswahl an Spielwaren.

An kalten und lausigen Tagen wurde ab nachmittags noch viel gebastelt…natürlich nach den Hausaufgaben. Und wer das nicht tat, der saß entweder in einer kuscheligen Ecke oder auf dem Teppich mit einem Buch, oder einem Eisenbahnkatalog vor der Nase.

Was sonst?

- sonst gab es nur draußen, und draußen war Kicken angesagt.

Mädchen haben sich mit den Füßen durch den Gummitwist gehangelt.

Aber das war im Sommer. Jetzt ist Winter, keine gute Zeit für Gummitwist, sondern für Puppenhäuser – für Mädchen.

Für Jungs Eisenbahn.

Auf dem Bahndamm quer zu unserer Straße schmaucht ein Güterzug vorbei - es rasseln die Gestänge und sie dampft mächtig. Ihr folgen Kohlegeruch (für Jungens war es Duft!) und 1,2,3, … 40 Güterwaggons. Ein kurzer Blick aus dem Fenster und wir sind uns einig: das war eine 44ger. „Die mit fünf Achsen und Telexkupplung, -  die wünsche ich mir doch zu Weihnachten!“ Eine 23ger folgte mit dem Tender voraus, am Haken vier Personenwaggons.

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Diese 23ger von 1954 schiebt Dienst als D-Zug Lok mit zwei Waggons am Haken.

Der Zug hat gerade Einfahrt in den Hauptbahnhof.

Dahinter sichtbar, steht eine E19 vor dem Ausfahrsignal. Sie wurde auf den „F21 Rheinpfeil“ gestellt und wartet darauf, dass der Fahrdienstleiter die Ausfahrt freigibt.

Wenn Vater nach Feierabend nicht gerade mit Opa Fritz und Onkel Walter Skat spielt, liest er auch ganz gerne in unseren Jugendbüchern. (Die fanden wir dann auch auf seinem Nachtschrank wieder!).

Wer hat die Titel nicht im Holzregal  über dem Bett griffbereit: „F21 Rheinpfeil“, „Geliebte Dampflok“. Die Bettdecke über den Kopf! Taschenlampe an, sobald es heißt: „Licht aus, morgen ist auch noch ein Tag!“

Unter der Bettdecke bei Funzellicht … Eisenbahn Katalog oder F21 Rheinpfeil? … beides, ganz klar. Am nächsten morgen sind die Batterien leer, der Katalog hat einen Knick.

„Haaach, wann ist endlich Weihnachten!“ Die Zeit will nicht herumgehen.

„Advent, Advent ein Kerzlein brennt …“, oh, oh es müssen noch drei Kerzlein angezündet werden. Und dazwischen liegen noch drei Wochen voller Ungeduld. Wäre da nicht die lästige Schule, die ungeliebte Abwechslung bringt. Die Hausaufgaben werden jetzt besonders gründlich erledigt, Mutter und Vater helfen gerne nach mit der Erinnerungsstütze: „Denke an deinen Wunschzettel!“


 

Montag, 3 Wochen vor Weihnachten

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Diese 44ger von 1963 (mit Telexkupplung und Rauch) auf dem Bahndamm zieht einen Güterzug. Vorbei an der Altstadt schwenkt er ein Richtung Viadukt.

Eine E63 von 1952 steht auf dem Lokwartegleis. Sie wartet auf den kommenden Rangiereinsatz.

Zum Glück liegt jede Menge Schnee auf dem Weg zur Schule und jede Menge Bahndamm. Wenn der Bahndamm nicht zu uns kam, so gingen wir hin. Wieder eine Güterzuglok.

Ein klasse Bild… der König der 44ger blickt zu uns hinab. Wir winken und er winkt zurück. Er weiß, dass er für uns ein König ist, - er, der Lokführer in schwarz.

Dann zieht er auch noch die Pfeife und ein heller Pfiff ertönt durch das Schneegestöber, dass er hinterlässt. Hinterher dröhnen und rumpeln die schweren Güterwaggons, von denen wir über vierzig gezählt haben. Dann rollt im Gegengleis schon eine Schnellzuglok heran, rasselt mit ihrem Gestänge, wirbelt den Schnee auf – und husch ist sie mit drei Personenwaggons vorbei gezogen. 

Der Tornister hängt schwer im Nacken, auf halbem Weg zur Schule gibt es aber einen Buckel, der ist glatt vom Schlindern mit glattpolierten Ledersohlen. Also runter mit dem Tornister, drauf gesetzt und den Buckel runtergerutscht… bis die Hefte darin nass sind und die Tinte sich darin ergießt.


 

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1962 eine Modellbahn lässt die Bubenherzen höher schlagen.

Das heißt, na?

Richtig – Nachsitzen und die Seiten sauber abschreiben.

Das heißt, der Nachmittag, der für den Spielzeugladen gedacht war (dort laufen natürlich schon die neuen Traumloks!)  war hin.

Als wir nach dem Nachsitzen endlich nach Hause kommen gibt es Krach mit der Mutter!

Mütter sind immer ängstlich, wenn man später kommt als gewöhnlich.

Vater hingegen ist milde gestimmt, er selber kennt ja das Problem mit den Tornistern, den Heften und der Tinte! Er ist selber von der Eisenbahn begeistert.

Und dann, … überraschenderweise …trotz Proteste von Mutter: „es ist doch schon dunkel und spät“, setzt er sich mit uns ins Auto. Wir fahren zum Spielwarenladen…………mein lieber Freund, da stand eine niegelnagelneue Anlage mit den Traumloks drauf. Man kann nicht sagen, wieviele Jungennasen an der Schaufernsterscheibe platt gedrückt wurden, es sollten aber viele sein. Die Mädchen-Puppenhäuser sind gleich ein Schaufenster weiter.

Auch da ist mit Sicherheit Nasenfett dran – möglicherweise nicht nur von kleinen Mädchen?

Der Winter hat mächtig Einzug gehalten, sodaß der Schnee bis kurz vor dem Schaufenster im Innern der Passage des Spielwarenladens liegt und verwirbelt sobald der Wind durchpfeift.

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Ein langer D-Zug mit 4 Wagen am Haken

Das stört uns nicht weiter, denn wir sind mit den Gedanken schon wieder bei der noch verbleibenden, langen Zeit bis … Weihnachten und folgen den unendlich langen Runden der Loks über die Anlage. In Mathe und Deutsch stehen wir ganz gut, es sollte der Erfüllung der Weihnachtswünsche nichts entgegenstehen. Die Woche will nicht vergehen, der Neue Eisenbahn Katalog ist schon arg abgenutzt!

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Onkel Walter kommt zu einem weiteren Skatabend. Mit schneestapfigen Schuhen will er in die Wohnung. Mutter passt aber auf, dass er die in der Diele auszieht. Dann verzieht er sich mit Vater und Opa Fritz zum, - wir denken „Skat spielen“. Wir wundern uns nur, dass kein „Reizen“ zu hören ist, wie 18, 20, 2, 3…. Merkwürdig, es gibt  wohl doch noch etwas reizvolleres als Skatspielen - zumal für uns Buben der Raum verschlossen bleibt: „Da dürft ihr jetzt nicht `rein“, rufen Mutter und Oma, „Papa hat was mit Opa Fritz und Onkel Walter zu besprechen,

Hier findet eine wichtige Besprechung statt!

da sollt ihr jetzt nicht stören, … und bleibt bitte von der Tür weg!“ Damit wollen sie verhindern, dass wir ’mal durch das Schlüsselloch linsen.

Aber wir haben ja auch Ohren! Da dreht sich irgendwas mit einem leise surrenden Elektromotorengeräusch und rumpelt über Schienen!!! „Geht bitte aufs Zimmer und macht Eure Hausaufgaben fertig“, ruft Mutter beständig, bis wir verschwunden sind. Die Zeit will nicht vergehen. Erst der 2. Advent steht vor der Tür… und das heißt: noch zwei lange Wochen bis Weihnachten. Wir holen den Malblock ’raus. Da lassen wir unsere Träume drauf. Ein laaaanger D-Zug mit 4 Wagen am Haken, eine 01 zieht, die mit Rauch natürlich. Ein Blick in den Eisenbahn Katalog offenbart:„Kostet aber 55 Mark  , Mann“

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„Ich wünsche mir die V200“ ……  „Ich dachte die Güterzuglok?“„Ich weiß auch nicht, einmal die, - einmal die. Am liebsten beide!“

„ Beide geht doch nicht. Du hast doch noch Geburtstag, oder?“……  „ Ja, ’s dauert aber noch sooo lange bis dahin!“

Eine E44 mit einem Kurzzug bespannt vor dem Berg - Café . Ein Jaguar davor brachte die elitären Gäste.

Die „gute Stube“, auch das „Wohnzimmer“ genannt, bleibt für uns ab jetzt versperrt. Auch Blicke durch Schlüsselloch nutzen nichts, auf der anderen Seite der Tür hängt ein Handtuch an der Klinke. Was hilfts, wir ziehen jeden Morgen und jeden Abend mit einem gewissen schiefen Blick daran vorüber. Es wird nur noch getuschelt: „Was das Christkind wohl bringt?“ und so.

Vergangenes Jahr zu Weihnachten erhielten wir von Tante Hanne einen Kasten mit Pralinen. Ich weiß genau, dass Mutter der Tante Änne so einen zum Geburtstag geschenkt hatte.

Wir hatten die Kiste erst garnicht aufgemacht. Wir hoben sie auf für Onkel Walter, der hat im nächsten Sommer Geburtstag. Da aber Onkel Walter gar keine Pralinen mag, -schon mal gar nicht die ohne Cognak drin, wird er sie wohl eingepackt lassen und bis zu irgend einem nächsten Geburtstag aufbewahren. Da Pralinen damals 1962 noch ganz schön teuer waren, wurden sie oft so lange aufbewahrt und dann weiterverschenkt, bis sie mal aufgemacht wurden.  Oft waren sie dann irgendwie weiss und schmeckten muffig. Ganz schlecht war das, wenn Oma meinte, wir könnten die Pralinen unserer Mathe-Lehrerin schenken. Dann transportierten wir die Schachtel tagelang, ja wochenlang im Tornister mit uns herum, - bis sie dann irgendwo zu Ostern in einem Vorgarten lag.

 

Samstag, 1 Woche vor Weihnachten

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Wieder ein Schultag der sich zieht. Zum Glück der letzte vor Weihnachten. Ein Blick aus dem Klassenfenster ist ja wohl gestattet. Es schneit und schneit und in der Klasse ist es bullenwarm, seit dem die neue Zentralheizung an ist. Was träumen wir denn jetzt einmal?

Die dunklen Umrisse von Dampfloks im Bahnhof. Die vergangene Zugfahrt aus den Ferien von der Ostsee nach Hause. Auf der Rückfahrt hatte ich hohes Fieber und lag bei Mutter auf dem Schoß. Ich habe nur noch das Rattern der Räder und das Schnauben der Lok wahrgenommen. Ab und zu huschten ein paar Lichter vorbei. Nach der Heimkehr kam noch der Arzt. Mutter macht kalte Wadenwickeln.

„F21 Rheinpfeil“ im Bahnhof Gleis 3 wartet auf Reisende des Anschlusszuges .

Mir ging’s es aber  schnell wieder besser und in die Schule durfte ich auch wieder. Wie schön!

„Na, wohin träumen wir denn diesesmal?“, es liegt eine wohlwollende Hand auf meiner Schulter. Das ist die vom Klassenlehrer. Er hat Verständnis für Jungenträume, er war selbst mal ein Junge. Er weiß, dass wir alle auf Weihnachten warten und dass die Zeit immer länger wird, je näher man dem Heiligen Abend kommt. Außerdem gibt’s  bald Weihnachtferien. Er nimmt ein Buch, statt zu schimpfen . Er schlägt es auf und liest vor, eine Geschichte aus Andersens Märchen: „Das Feuerzeug“. Wohl kaum zu glauben, aber alle die bereits auf die erlösende Pausenglocke warten, hören immer noch gespannt zu als die Pausenglocke tönt. Sie bimmelt weiter und keiner rührt sich, so sehr hören sie zu und warten auf weitere Worte - bis der Lehrer abbricht. Er muss versprechen, dass es im neuen Jahr weitergeht, dass er weiterliest. Das verspricht er dann auch und wünscht uns einen guten Heimweg, frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr- damit meint er so ein bisschen, dass wir nicht so toll mit den Tornistern auf dem Schnee `rumrutschen sollen.

 

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Zugführer unter sich am Hauptbahnhof Der „Rheinpfeil“ ist bereit zur Abfahrt..

Auf halbem Heimweg liegt der tief verschneite Buckel und Samstags haben wir nicht viele Schulhefte dabei. Da kann ja auch nicht viel nass werden. Also wieder runter mit dem Ranzen und ’draufgesetzt und wieder den Buckel runter. - bis das Leder nass war - und die Hosen.

Da pfeift wieder eine Lok. Dieses mal ist es eine 01, die mit Rauch! Wir sehen sie von weitem und obwohl bald Weihnachten ist freuen wir uns schon auf die nächsten Sommerferien, wenn es wieder an die Ostsee geht.

Mit der Bahn natürlich.

Aber es ist ja noch Winter, wir sollten machen, dass wir nach Hause kommen, zu mittag essen, Hausaufgaben und wieder in den Schnee, oder? Schnneemann bauen geht nicht, denn der Schnee ist zu kalt dieses Jahr und klebt nicht. Egal was man bauen will, es hält nicht. Dann lieber Eisenbahn ! Die letzte Adventswoche ist angebrochen. Heilig Abend ist am Montag, jetzt werden nur noch die Stunden gezählt, schlimm genug, dass noch der Sonntag dazwischen liegt.

„So kalt war es schon lange nicht mehr“, sagt Oma eines Abends. Wir schauen aus dem Fenster. Man sieht wenig, da es schneit. Lichter schimmern schwach durch das Schneegestöber. Wir lehnen auf der Fensterbank, das Radio läuft und berichtet vom starken Wintereinbruch und eisiger Kälte 1962. Was für ein herrlicher Kinderwinter

Oma serviert heißen Kakao. Wir sitzen uns am Adventskranz gegenüber, Blicke begegnen sich durch den Kerzenschein, das Kinn auf die gefalteten Hände gelegt. Mutter meint bedeutungsvoll: „das nennt man heimelig und besinnlich“.

 Wir lauschen Omas Geschichten vom Krieg und von ihrem Mann, den sie sehr vermisst. Er wäre uns ein guter Opa  gewesen meint Oma, weil er ja auch soviel von Loks und von der Eisenbahn verstand.

Er war nämlich Lokführer!

Nun musste Oma aber herhalten und erzählen, was sie denn so als Frau eines Lokführers durchlebt hat. Sie stöhnte aber viel bei ihren Erzählungen, denn sie hatte nicht viel von ihrem Mann, da er viel unterwegs war mit seiner 01.

 „Mit seiner 01 mit Rauch“, - unser Opa Heinz auf unserer Traumlok.

 „Er musste aber sehr lange als Heizer arbeiten “, erzählt Oma, „das dauerte lange bis er endlich auf die rechte Lokführerseite durfte, vorher hat er viele Tonnen Kohle in die Feuerbüchse schaufeln müssen“.

„Auf einer planmäßigen Fahrt wurde er 1944 von englischen Jagdflugzeugen beschossen. Er kam nie wieder zurück von seiner Fahrt“.

Dann kommen ihr die Tränen, Opa Heinz ist sehr lange nicht mehr an Weihnachten mit dabei. Ihr Herz tut ihr weh, sagt sie, wenn sie daran denkt.

 Mutter sagt nichts. Wir auch nicht. Etwas hängt uns wie ein Klos im Hals.

Dann gehen wir ins Bett und Mutter tröstet uns, da uns die Geschichte von Opa doch sehr berührt hat.

In der Nacht träume  ich von Opas Zug  bespannt mit einer Dampflok  auf einer Nachtfahrt.

 

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Wir sind stolz auf einen Lokführer in unserer Familie.

 Sonntag, vierter Advent, alle 4 Kerzen sind angezündet.

 

Morgen endlich ist Heiliger Abend, Weihnachten. Erlösung von der Spannung oder weiteres Warten? Waren wir artig genug das Jahr über?

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Einfahrt E18 mit „F21 Rheinpfeil“ ins Gleis 2. BR01 wartet auf Übernahme des Zuges.

Mit 8 und 9 Jahren ahnen wir, dass die Geschenke nicht nur  vom Christkind kommen, aber wir hören das mit dem Christkind trotzdem gern. Das Christkind ist eigentlich wunderbar und es muss jedes Jahr dabei sein, sonst fehlt etwas.

  Montag, 24.12.1962, Heilig Abend

 

Trotz aller Gespanntheit…, wir sind schon seit sechs Uhr wach!  … Mutter und Oma haben alles im Griff. Vater hat die Gans in den Bräter geschoben, damit wir sie morgen verspeisen können. Ein Duft überall!

Oma zündelt mit Fichtenzweigen über einer Kerze: „damit´s weihnachtlich duftet“.

So ist der ganze lange Tag ausgefüllt mit Tätigkeiten zur Vorbereitung auf das Fest.

Erst feingemacht und dann geht’s abends  in die Kirche. Wir danken dem Herrgott für das gute vergangene Jahr, aber eigentlich auch schon vorab für…. hoffentlich zwei tolle Loks…

Na, wir werden ja sehen. Die Kirche ist wie jedes Jahr zu Weihnachten gut besucht und dauert lange. Endlich gibt uns der Pfarrer den Segen für den Heimweg. Vor der Kirche sammeln sich die Nachbarn, umarmen sich, wünschen sich das Beste zum Feste. Es geht nun nicht schnell genug nach Hause.

Weihnachtsleuchten sieht man in jedem Fenster, es ist alles sehr feierlich heraus geputzt. Wir kommen nach Haus, es duftet wieder nach Tannenzweigen, die Oma über eine Kerze gehalten hat. Ein Glöckchen bimmelt mit hellem Klang irgendwo her, es kann also nicht mehr lange bis zur Einbescherung dauern!

Endlich tut sich die so lange verschlossene Tür auf. Ehrfürchtig stehen wir erst einmal vor dem Baum. Unser Baum, der wie jedes Jahr von Vater oder Opa Fritz mit hellen Lichtern und glitzernden Kugeln geschmückt wird. In den Kugeln kann man prima Grimassen schneiden, haben wir festgestellt. Vater hat auch irgendwann einmal ein Foto davon gemacht.

Bevor wir uns gerade umschauen wollen, wo denn wohl, und überhaupt unser Weihnachtswunsch… da ertönt es schon mit Vaters sonorer Stimme:„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter…“, und Opa und Oma und Mutter stimmen ein.

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Eine BR 44 auf der Drehscheibe vor Einfahrt in den Lokschuppen.

 

Das heißt dann: - ein letztes Mal durchhalten, mit singen bis zum bitteren Ende. Kaum klingt die letzte Strophe, da fängt Vater von vorne an, so zum Spaß … nur um uns zu ärgern. Aber dann zwinkert er mit dem Auge  und meint:

„Na dann schaut doch mal, was euch das Christkind so beschert hat“

Tja, da finden wir dann eine tolle Drehscheibe und eine elektromagnetische Schranke unter dem Weihnachtsbaum. Das Christkind hatte sich wirklich ins Zeug gelegt. Bei aller Dankbarkeit für die tolle Drehscheibe ... wir schauen uns mit leicht feuchten Augen an, wir zwei Eisenbahner- wo sind nur unsere Loks vom Wunschzettel? Merkwürdig, alle stehen um uns herum mit einem, na sagen wir, überfreundlichen Grinsen, als ob da noch ’was zu sagen  wäre. Wo sind die Träume? die 01, die Güterzuglok 44? Kurz bevor die Tränen über die Wangen laufen ruft Mutter:  „Ja, schaut Euch doch noch mal richtig um!“  Oh, diese Eltern haben unsere Träume versteckt. Aber sie sind da. Keine Träume mehr. Wir halten sie nun in den Händen, den Katalog daneben, zu vergleichen ob auch alles dran ist. Wunderbar, alles dran. Danke liebes Christkind! Endlich kann der „F21 Rheinpfeil“ mit der 01 vorneweg auf der Anlage Runde um Runde drehen. Zuvor aber wird der Zug von einer E18 bis zum nächsten Bahnhof geschleppt, wo die 01 rauchend wartet.

Es ist schon spät als unsere Loks dann endlich im Lokschuppen zur Ruhe kommen, - nein, stimmt nicht ganz, denn  wir stehen noch einmal auf, holen sie aus der Weihnachtsstube und stellen sie auf unser Nachttischchen – für morgen früh - zum Ansehen - nur zum Ansehen.

Dann war Ruhe. Weihnachten für Buben … und Väter … und  Großväter, die sich an die eigenen Kinderträume erinnern, die das Glöckchen vor der Einbescherung noch hören.

Eisenbahn –Winter, er könnte nicht länger sein.

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Alles Träume? Ja alles Träume, aber sie leben weiter im Winter 1963, 1964, …2007, 2008,2009 …  

 Epilog

Noch immer rasseln die über viele Jahre gesammelten Lokomotiven und Züge über die Metallschienen… zwischendurch verharrten sie für Jahrzehnte im Karton.

Irgendwie sind alle Teile vom Zahn der Zeit geprägt… welche Lok fiel nicht einmal von der Eisenbahnanlage? … glücklich , wer einen dicken Teppich darunter hatte!

Erinnerung und  Umgang mit dem Spielzeug aus der eigenen Jugend hält Träume wach – ein entspannender Zustand für diejenigen älteren Buben, die damit nach angestrengtem Arbeitstag für einige Momente  abtauchen können.

Literatur zum Vertiefen aus den 50gern und 60gern

Franz Ludwig Neher, “F21 Rheinpfeil“, K.E. Maedel, „Geliebte Dampflok“, Ing.Dr. Walter Strauss, „Meine Märklin-Modellbahn“, Reichsbahn-Werbeamt, „Hundert Jahre Deutsche Eisenbahnen“, Pit Franckh, „Weite Welt der Eisenbahn“, Helmut Sperling-Heinz Völkel, „Die Eisenbahn erobert die Welt“, Märklin, „Die Märklin – Bahn H0 und ihr großes Vorbild,“ BAHN Extra 02/2005, „Eisenbahn und Wirtschftswunder“ – und natürlich die Märklin Kataloge aus der Zeit.


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